top of page

Ich hatte das Gefühl überall zu versagen

  • Autorenbild: maureralexandra
    maureralexandra
  • 19. März
  • 3 Min. Lesezeit

Liebes Tagebuch,


Ich lag damals falsch mit der Annahme, dass der schwierigste Teil die Diagnose wäre. Die eigentliche Herausforderung begann im "Dazwischen". In den Wartezimmern. In der Stille nach den Terminen. In den Tagen, an denen im Außen nichts passierte, während sich in mir drin alles verschob.


Mein Körper fühlte sich nicht länger wie etwas an, dem ich blind vertrauen konnte. Er wurde zu etwas, das ich überwachen musste. Messen. Kontrollieren. Zahlen begannen, meine Tage zu bestimmen. Hormonwerte, Follikelzählungen, Schleimhautdicke.


Ich lernte eine neue Sprache, die ich nie sprechen wollte. Und mit jeder Zahl kam ein neues Gefühl. Hoffnung, wenn sie stiegen, Enttäuschung, wenn sie es nicht taten. Es war erschöpfend, ernüchternd. Dieses ständige Verhandeln zwischen Wissenschaft und Gefühl.


Die Hormone veränderten mich auf eine Weise, die ich nicht erwartet hätte. Nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Es gab Momente, in denen ich mich selbst nicht wiedererkannte. Tränen, die zu schnell kamen. Gedanken, die sich schneller drehten, als ich sie greifen konnte. Eine Sensibilität, die alles schwerer, lauter, intensiver machte. Und doch ging das Leben um mich herum weiter, als hätte sich nichts verändert. Ehrlich gesagt war das einer der einsamsten Teile. Nach außen war ich noch ich, doch innerlich war alles anders. Und irgendwo inmitten all dessen begann sich meine Identität zu verändern. Nicht plötzlich. Nicht dramatisch, sondern leise… fast ohne meine Erlaubnis.


Ich war eine Mutter von einem Kind gewesen - getragen von Liebe, präsent, sicher. Ich war eine Frau gewesen, die sich eine Karriere über drei Länder hinweg aufgebaut hatte, die flog, arbeitete, kreierte, vorwärtsging. Und jetzt? Jetzt fühlte ich mich wie eine Version meiner selbst, die ich nicht mehr kannte. Eine Frau, die von Angst getrieben war. Eine Frau, die Zeit anders maß. Eine Frau, die von etwas eingenommen war, das für alle anderen unsichtbar blieb.


Ich flog kaum noch für meinen Job. Karrieremöglichkeiten begannen mir durch die Finger zu gleiten. TV-Jobs, zu denen ich früher sofort Ja gesagt hätte - verschwunden. Gleichzeitig gaben wir mehr Geld aus als je zuvor. Termine. Behandlungen. Medikamente. Die leisen, konstanten Kosten des Versuchens. Es fühlte sich an, als würde sich alles in die falsche Richtung bewegen und die Schuld… sie veränderte ihre Form.


Es ging nicht mehr nur um meinen Körper. Es ging auch um meine Tochter. Es gab Momente, in denen ich mich dabei ertappte, abgelenkt und nicht ganz präsent zu sein. In Gedanken bei Embryonen, Terminen, Zeitplänen wenn ich eigentlich einfach nur bei ihr hätte sein sollen. Und dieser Gedanke brach mich auf eine andere Weise. Versagte ich darin, Mutter von zwei Kindern zu werden und gleichzeitig darin, eine gute Mutter für das eine Kind zu sein, das ich bereits hatte? Es fühlte sich an, als könnte ich nicht gewinnen. Als würde, egal wohin ich meine Energie lenkte, etwas anderes zu kurz kommen. Mutterschaft. Karriere. Ich selbst. Alles fühlte sich an, als würde es mir entgleiten. Und trotzdem machte ich weiter. Denn was war die Alternative?


Und dann waren da wir.


Ich glaubte, vielleicht naiv, dass uns das nur stärker machen würde. Und in vielerlei Hinsicht tat es das auch. Aber Stärke ist nicht immer laut oder konstant. Manchmal zeigt sie sich als Missverständnis. Als Stille. Als zwei Menschen, die ihr Bestes geben und sich doch nicht immer am selben Punkt begegnen. Wir trugen dieselbe Erfahrung, aber nicht auf dieselbe Weise. Ich wollte reden. Verarbeiten. Alles laut fühlen. Er wollte die Dinge still lösen. Positiv bleiben. Vorwärtsgehen. Keiner von uns lag falsch und doch gab es Momente, in denen es sich anfühlte, als würden wir unterschiedliche emotionale Sprachen sprechen. Momente, in denen ich mich allein fühlte mit meiner Angst, und dennoch war da unter all dem etwas Tieferes, das uns hielt. Eine leise Entscheidung zu bleiben. Es weiter zu versuchen. Uns davon nicht zerbrechen zu lassen, selbst wenn es uns weiter dehnte, als wir es je für möglich gehalten hätten. “Können wir uns halten, wenn wir beide kämpfen? Kann sich Liebe unter Druck anpassen?” Ich hatte noch keine Antworten dafür...


Langsam begann ich auch zu verstehen, dass es nicht mehr nur um meinen Körper ging. Es ging um Identität. Um Partnerschaft. Darum, Kontrolle auf eine Weise loszulassen, wie ich es zuvor nie getan hatte und irgendwo inmitten all dessen trafen wir eine Entscheidung. Eine, die sich gleichzeitig beängstigend und kraftvoll anfühlte…


Wir entschieden uns, den Weg weiterzugehen und Embryonen zu schaffen, während ich mehrere Operationen durchlief, um meinen Gebärmutterhals wiederherzustellen. Injektionen, Blutabnahmen und Krankenhäuser wurden für einige Monate zur Normalität. Mehr als einmal fragte ich mich, ob sich diese emotionale und körperliche Belastung eines Tages lohnen würde… und was, wenn nicht? Ich ahnte nicht, dass ich noch mehr als einmal auf die Probe gestellt werden würde und dass genau diese Entscheidung einen neuen Anfang markierte. Einen tieferen Schritt ins Unbekannte, mit einer neuen Schicht Hoffnung.


Aber das ist eine Geschichte fürs nächste Mal.


Bis dahin,

Deine Woman on a Mission

 
 
 

Kommentare


bottom of page